Ort: Marktplatz Herrenberg
Veranstalter: Chorgruppe Herrenberg und Umgebung, ca. 250 Sängerinnen und Sänger
Instrumentalisten: Thomas Rose und Conny Rüdenauer: Gitarren, Max Rüdenauer: E-Bass, Veronika Rüdenauer: Keyboard
Ansprachen: Gerda Schneider und Fritz Link
vgl. hierzu auch den Bericht im Gäubote: "Weihnachtsgedicht zielt unter die Gürtellinie" und in der Kreiszeitung: "Feststimmung bei Winterwetter"
Eine Veranstaltung mit langer Tradition ist das alljährlichen Weihnachtssingen auf dem Herrenberger Marktplatz. Zum 40. Mal trafen sich heuer rund 250 Sängerinnen und Sänger der Chöre Herrenbergs und Umgebung, um Interessierte vor Weihnachten eine Stunde lang gemeinsam mit Weihnachtsliedern auf die Festtage einzustimmen. Eintritt wird dafür nicht verlangt. Das Besondere am Weihnachtssingen: Die einzelnen Chöre vereinigen sich in zwei großen, gemeinsamen Klangkörpern, einem Männerchor und einem gemischten Chor, unter gemeinsamer Leitung. Bereits zum 20. Mal - ein weiteres Jubiläum - wurden sie 2001 von Karl Haarer dirigiert.
Die große Resonanz des alljährlichen Weihnachtssingen - es sind mehr als 2000 Zuhörer auf dem Marktplatz - und das Erlebnis, gemeinsam mit begeisterten Freunden anderer Vereine in einem wirklich großen Chor unter großartiger Leitung aufzutreten, ist für die Sänger ein stimmungsvoller Brauch, und für die Zuhörer Ansporn, einem der Chöre beizutreten. So ist das Weihnachtssingen auch über die Grenzen Herrenbergs bekannt geworden, und war in den vergangenen Jahren jeweils der Weihnachtsbeitrag im Regionalfernsehen.
Aufgelockert wurden die Lieder in den vergangenen Jahren durch hintergründige Mundartgedichte von Gerda Schneider, welche die Verfasserin am Mikrofon jeweils selbst vortrug. In ihrer volkstümlichen und etwas "knorrigen" Art verstand es die Deckenpfronnerin bislang, SängerInnen und Publikum mit gereimten Anekdoten aus ihrer Kindheit zu erheitern, und dabei fast unbemerkt eine besinnliche "Weihnachtskurve" zu kratzen.
Nicht so in diesem Jahr, leider. Statt von Kindheitserinnerungen berichtete Gerda Schneider dieses Mal von ihrer Abneigung gegen das Englische. Anfangs hielt man es noch für einen originellen Einstieg in eine Weihnachtsgeschichte: Als die Frau am Mikrofon hölzern reimte, das Einmaleins sei heutzutage "nichtig", stattdessen wäre Englisch "wichtig", lauschte man noch gespannt. Als die Schwäbin in radebrechenden Versen gegen die bevorstehenden Ausgabe von Euro-Bargeld wetterte, mögen viele ihre Skepsis im Stillen geteilt haben. Als die ältere Dame allerdings spottete, Englisch lasse das Hirn schrumpfen, kam man langsam ins Grübeln, wie sie zu Weihnachten überleiten werde. Dies war allerdings - wie sich herausstellte - gar nicht ihre Absicht. Statt dessen wurde die Reimerin plötzlich konkret: Da gebe es doch tatsächlich einen Chor auf der Bühne, der meine, sich einen englischen Namen geben, und mit "Gospelgeschrei" das Weihnachtsfest stören zu müssen. Das sei nichts mehr für sie, war Gerda Schneider's Fazit. Sprach's, verließ das Podium und erwiderte die ungläubigen Blicke der Sängerinnen und Sänger mit versteinerte Miene.
Eine versöhnliche "Weihnachtskurve" ist der Wortkünstlerin leider nicht eingefallen. Da blieb nicht nur den Mitgliedern der Voices ltd. die Spucke weg, die im Anschluß an diesen Eklat "Rudolph The Red Nosed Reindeer" vortragen sollten. Auch die ausnahmslos deutschen Klassiker (Stille Nacht, Oh du fröhliche usw.) kamen den von dieser scharfen und unerwarteten Breitseite innerlich aufgewühlten Sängerinnen und Sängern nur noch schwer über die Lippen. Wie waren wir im Handumdrehen in eine Propagandakundgebung hineingeraten? Warum mußten wir uns im Rampenlicht auf der Bühne öffentlich "vorführen" und beleidigen lassen? Wenn wir jetzt etwas englisches singen, werden wir dann ausgebuht? Wenn wir aber etwas deutsches singen, pflichten wir dann womöglich dieser Unperson bei? Das arglistige Moment in Gerda Schneider's kathartischem Abgesang lag nämlich gerade darin, daß die Dichterin ihre Tirade nicht etwa in einem Leserbrief von sich gab, oder für ihr kritisches Werk einen Verleger gefunden hätte, sondern daß sie ihre sorgsam ausgearbeiteten Beleidigungen ihren Auftraggebern - nämlich der Chorgruppe - verheimlichte. Nur so konnte sich die Rednerin das Mikrofon zu einer Öffentlichkeit erschleichen, die sie sosnt niemals erreicht hätte.
Ich wollte die Bühne verlassen. Aber dann habe ich mich von der flugs ausgegeben Parole "Jetzt erst recht, und so gut wie noch nie!" anstecken lassen. Tatsächlich bilde ich mir ein, daß der Beifall für die beiden englischen Lieder danach etwas kräftiger ausfiel. Vielleicht lag's ja an unseren Angehörigen im Publikum.
Wirklich schade ist die Zwietracht, die Gerda Schneider's Verse gestiftet haben. Statt Zeichen breiter Solidarität für ihr alljährliches kostenloses Weihnachtsgeschenk an die Herrenberger Bevölkerung lesen die Mitglieder der Chorgruppe nunmehr täglich Leserbriefe in der Zeitung, die sich mit der rhetorischen Frage befassen, ob man in "Deutschland denn nicht mehr deutsch" sein dürfe. Anstatt sich für die Weihnachtslieder der Chorgruppe zu bedanken, stellen sich zahlreiche Leserbriefschreiber hinter Gerda Schneider, und forcieren das Wort "deutsch" in einem schwindelerregenden Stakkato, daß mir persönlich schlecht dabei wird ("Muß eine deutsche Gesangsgruppe in Deutschland vor einem deutschen Publikum unbedingt englisch singen?")
Eine Sängerin der Chorgruppe wird von einem unbekannten Mann angerufen und anonym immer wieder mit "Schwein" beschimpft, nachdem sie in einem Leserbrief ihre Gefühlen beim Weihnachtssingen schilderte, und die Dichterin um eine Entschuldigung bat. Die Herrenberger Tageszeitung veröffentlicht als Antwort den einzeiligen (!) Leserbrief eines Mannes: "Frau Schneider, entschuldigen Sie sich nicht!"
Mir ganz persönlich geht bei solchen dumpfen, stumpfsinnigen und verletzenden Äußerungen die Galle hoch. Warum, um Himmels willen, brüsten sich immer diejenigen lautstark mit ihrem Deutschtum, die sonst nichts auf dem Kasten haben? Die in Leserbriefen z.B. von den "anglikanischen Gesängen vornehmlich junger Chöre" schreiben, und zu blöd für's Nachschlagen im Duden sind? Weshalb - verdammt nochmal - mokieren sich Leute über unsere vermeintlich unverständliche englische "Artikulation", von denen ich sicher bin, daß sie das deutsche Libretto einer Wagner-Oper nicht entschlüsseln können (von einer lateinischen Mozartmesse ganz zu schweigen).
Aber darum geht es natürlich nicht. In Wirklichkeit geht es um Musik, um's Singen. Eigentlich ging es "nur" um Weihnachten, jeder trägt was dazu vor, und gemeinsam wird's ein richtiges Fest. Anstatt sich daheim von der Haustechnik beschallen zu lassen, singen wir zusammen Weihnachten herbei, machen selbst was, und lassen andere Leute mitmachen. Weil's richtig gute Laune bringt, und weil wir natürlich auch ein bischen stolz auf eine lange, erfolgreiche Tradition sind. Und ausgerechnet das will uns diese Ulknudel mit ihrem vaterländischen Kreuzzug madig machen.
Forget it, babe!
Jens Mönig