Kreiszeitung, 01. März 2001
Herrenberg - Beim Herrenberger Chor "Voices ltd." hat frau die Zeichen der Zeit erkannt: Vom "gelben Wagen" abgesprungen, lenkt Chorleiterin Astrid Beuth lieber ihren "sweet Chariot", sprich das in Spirituals besungene Gespann des Todesengels durch die Welt des Pop und Gospel.
VON EDMUND LANGNER
"So, letztes Lied. Was wollt ihr noch singen?", fragt Chorleiterin Astrid Beuth in die Runde. Es ist Dienstagabend, kurz nach halb zehn. Es ist sehr warm geworden in dem bis ins kleinste Eck besetzten Musiksaal in der Realschule im Längenholz gleich hinterm Hallenbad. "Mannamanna!", "Nee, was anderes!", "Ich will 'Let us pray'", schallt es ihr aus 120 Kehlen entgegen, die auch nach eineinhalb Stunden - manche sogar noch länger - nicht genug vom Singen zu haben scheinen. Nein, es ist kein ungestümer Kinderchor, den die 39-Jährige hier zu bändigen hat, sondern Jugendliche, junge und junggebliebene Erwachsene zwischen Schul- und Rentenalter und aus sämtlichen Orten in der näheren und weiteren Umgebung. "Voices ltd." - Stimmen mit beschränkter Haftung - nennt die aus dem Taunus stammende Dirigentin den Mammut-Chor scherzhaft.
Der vor zwei Jahren als "Ableger" des Liederkranz' Herrenberg entstandene Chor erbringt den Beweis, dass Singen auf hohem Niveau nicht auf Kosten von Spaß und Freude gehen muss. Angefangen hat alles mit drei Schnupperkursen im Dezember 1998. Die Resonanz auf die angekündigte Gründung eines "Pop- und Gospel-Chors" überraschte wohl nicht nur Astrid Beuth. "160 Sängerinnen und Sänger wollten rein", erinnert sich der ehemalige Liederkranz-Vorsitzende Fritz Link, der als Senior im Konzertchor und mit den ansonsten ziemlich jungen "Voices" mitsingt. Bereits im Oktober 1999 trat das neue Ensemble in der Herrenberger Stadthalle auf.
Offenbar steht Astrid Beuth auf Nervenkitzel, denn zwei Drittel der Sänger hätten weniger als ein Jahr zuvor keine Gesangserfahrung gehabt. "Andere brauchen den Bungee-Sprung", hat die Dirigentin gut Lächeln, schließlich bestritt der Chor letztes Jahr das zweite Stadthallen-Konzert und ist fester Programmpunkt beim Stadtfest.
"Viele Gesangvereine versuchen sich zu verjüngen, aber sind nicht bereit, altmodisches Liedgut über Bord zu werfen", erklärt Link, warum so viele Singgemeinschaften über Mitgliederschwund klagen. "Es liegt an der Musikauswahl", ist sich auch Astrid Beuth sicher. Die "Voices" singen neben Gospels, wie "Elija Rock" oder "Ride the Chariot" und Klassikern wie "Moon River" auch Stücke der Beatles oder der Mamas and the Papas. Und aktuelle Charthits - Xavier Naidoo zum Beispiel? "Och nee, der ist doch so arrogant", findet Astrid Beuths Tochter Barbara. "Außerdem ist es schwer, die Gesangshefte zu den ganz neuen Stücken zu finden", weiß die Mama. Zusätzlich zum Gesamtchor gliedern sich die Voices in einige Untergruppen. Bei den "Deep Voices" werden, wie der Name schon sagt, die tieferen Tonlagen noch weiter "vertieft", die "Young" rekrutieren sich aus Stimmen im Alter zwischen 14 bis 25, die "No Voices" übt als Rhythmusgruppe und die zehn auserlesenen Sängerinnen und Sänger der "Ten Voices", zu denen auch Astrid Beuth gehört, wagen sich beispielsweise an anspruchsvollere Stück heran.
"Gospel hat mehr Pep", findet ein junger Sänger, der auch im Herrenberger Kirchenchor mitsingt. Eine gehörige Portion "Pep" muss aber auch die Chefin mitbringen, denn mit moderner Literatur allein ist es nicht getan. "So, bei den Frauen will ich jetzt mal Hysterie pur hören und ihr Männer seid das ruhende Gegengewicht dazu", erklärt die quirlige Dirigentin. Energisch mit lebendiger Mimik und Gestik motiviert und amüsiert sie ihre Stimmakrobaten. Ihr mitreißendes Wesen ist es auch, das Sängerinnen wie Ursula Schmauz oder die junge Tina Monorfalvi motiviert. Und was sagen ihre Mitschüler zu ihrem Hobby? "Die sind total begeistert, gehen mit auf meine Konzerte", freut sich die Schülerin. Ein Chor mit eigenem Fanclub - Warum nicht?