Gäubote, 9.1.2002
Gospels auf dem Marktplatz, englische Lieder beim traditionellen Weihnachtssingen? Das Mundartgedicht von Gerda Schneider, die Reaktionen von Chormitgliedern, Zuhörern und Lesern haben eine Diskussion in Gang gebracht. Der "Gäubote" sprach mit Chorleitern aus dem Herrenberger Raum - das Ergebnis: Ganz gleich, ob es sich um einen traditionsverbundenen Männerchor oder um einen vielseitigen jungen Chor handelt, nirgendwo steht man englischem Liedgut wirklich ablehnend gegenüber, vielmehr wünschen sich die Chorleiter ein respektvolles, ausgeglichenes Nebeneinander der Stile.
VON THOMAS MORAWITZKY
"Ich finde es gut, dass es solch einen jungen Chor gibt", sagt der Vorsitzende des Otto-Elben-Gaus, Kurt Weber aus Holzgerlingen. "Natürlich können wir das nicht akzeptieren, wenn nur noch englisch gesungen wird, aber eine gesunde Mischung, das ist doch in Ordnung, schließlich müssen wir die Jungen tolerieren. Wir können uns nicht gegen das Neue stellen, das kommt halt und nimmt wieder ab, das überleben wir. Wir schreien immer, es kommt niemand zu uns, aber letztlich müssen wir das Neue doch auch akzeptieren." Dass sich die "Voices" am Weihnachtssingen beteiligten und mit dem gemischten Chor eine ganze Reihe Lieder gesungen haben, findet Weber sogar lobenswert: "Oft ist es ja so", sagt er, "dass die jungen Chöre sich nicht beteiligen wollen."
Von Vorbehalten der "Jungen" gegenüber den alten Liedern erzählt Hans-Martin Werner, Musiklehrer am Schickhardt-Gymnasium und Leiter des dortigen Schulchors. Unter seinen Schülern finden sich auch Mitglieder der "Voices", junge Menschen, die traditionellem deutschen Liedgut meist ablehnend gegenüberstehen. Er selbst misst dem jedoch geringere Bedeutung bei: "Qualitativ gute Chormusik", sagt er, "sollte man nicht unbedingt an der Sprache festmachen. Man kann sich für Lieder aus allen Epochen begeistern, solange es nur die richtigen Stücke sind." Er selbst hat mit seinem Schulchor und mit der Chorvereinigung schon Spirituals und afrikanische Bantu-Lieder eingeübt - mit großem Erfolg. Dass es eine Tendenz zur Verdrängung traditionellen Liedgutes gibt, räumt er ein: "Ein Stück weit hat das längst stattgefunden, zu Hause ersetzt der Kassettenrekorder ja meistens schon das Volkslied." Er selbst strebt im Unterricht und in der Chorarbeit eine möglichst große Breite an: "Man sollte beidem Platz lassen, ich fände es richtig, wenn Jung und Alt sich auf beides einlassen. Einen Generationenkonflikt hat es ja immer schon gegeben, das ist nichts Neues. Ich finde, dass es ein Stück gelebte Toleranz ist, wenn man sich auf Dinge einlässt, die man nicht kennt."
Das sagt auch Gisela Reichherzer, Leiterin der Chöre "Rondo Cantabile" in Nufringen und "Bella Cantare" in Öschelbronn: "Ich denke, das ist eine Frage der Offenheit. Ich finde es ein bisschen einseitig, wenn ein Chor nur in eine Richtung geht. Es ist auch eine Frage der Toleranz und der Weite, die man der Musik gibt." Mit ihren Chören singt Gisela Reichherzer Lieder in allen Sprachen - nicht nur in der englischen und deutschen: "Wir singen alles, vom amerikanischen Lied bis zum Madrigale." Viele Lieder, erklärt sie, müssen in der Originalsprache gesungen werden, um gut zu klingen. Die Gospelvorliebe der jüngeren Generation hat ihrer Erfahrung nach weniger mit der Sprache, als vielmehr mit den musikalischen Möglichkeiten zu tun: Was lockt, ist vor allem der "zündende Rhythmus" und die Möglichkeit des synkopierten Singens. Für Gisela Reichherzer ist all dies eine Frage des Geschmacks: "Mein Vater sagte immer: Die G`schmäcker sind halt verschieden, der eine schwärmt für Kautabak, der andere für Maiglöckchenduft", verkündet sie. Was nicht heißt, dass sie für die Bedenken der Älteren kein Verständnis hätte: "Ich sage immer zu meinen jungen Leuten: Auch ihr müsst toleranter sein, die Älteren hatten einfach nicht das Glück, eine Fremdsprache zu lernen." Deshalb - und dies könnte auch der Chorvereinigung ein Wegweiser sein - versucht sie bei ihren Konzerten immer, fremdländisches Liedgut ihrem Publikum durch die Moderation näher zu bringen.
Ähnlich verfährt auch Ulrich Feige bei Konzerten der Kantorei: "Wenn wir etwas in einer anderen Sprache singen, gibt es bei uns immer ein Textblatt", sagt er. Den Konflikt um den Gospelchor "Voices ltd." und das Gedicht von Gerda Schneider hält der Kantor für übertrieben: "Ich bin der Meinung, dass die Chorvereinigung überreagiert hat, das ist die ganze Geschichte nicht wert."
Ganz ähnlich äußert sich Heinz Werner, Leiter des Männerchors Tailfingen-Gültstein: Den Streit ums Weihnachtssingen, findet er, sollte man baldmöglichst begraben. "Es wäre gut, wenn beide Richtungen nebeneinander bestehen und miteinander auskommen könnten." Werner respektiert die Arbeit der "Voices": "Sie singen sehr gut, ihre Lieder kann ich aber nicht auf meinen Chor übertragen, da meine Sänger im Durchschnitt etwa 58 Jahre alt sind und die meisten kein Englisch gelernt haben. Die Chorvereinigung sollte einen schönen Mittelweg finden, wie, das müssen die Chöre allerdings untereinander entscheiden."
Ums deutsche Liedgut brauche sich indes keiner zu sorgen, versichert Werner: "Solange wir `alten Sänger` noch da sind, werden die alten Lieder sicher nicht verdrängt. Wir werden schon für ein Gleichgewicht sorgen."