Presseecho

Gäubote, 28.12.2001

Weihnachtsgedicht zielt unter die Gürtellinie

Herrenberg - Friede auf Erden und Zank auf dem Marktplatz: Gerda Schneider, Mundartdichterin aus Deckenpfronn, empörte sich bei der Traditionsveranstaltung der Chorgruppe Herrenberg mit einem Gedicht über Fremdwörter, englische Chornamen und "Gospelgeschrei". Wahrlich ein Fehltritt zur heiligen Stunde, meinen Verantwortliche und Mitglieder vor allem beim Pop- und Gospelchor "Voices ltd.". Die Wellen schlagen mittlerweile hoch.

VON THOMAS MORAWITZKY

Die Dame im Marktplatzpublikum, die Gerda Schneiders Abgesang auf alles Neumodische mit einem "Jawohl!" kommentierte, dürfte mittlerweile ziemlich einsam da stehen. Dass sie sich im Ton vergriffen habe, das räumt nun sogar die Autorin der Zeilen ein. "Ich war völlig vor den Kopf gestoßen", sagt Gerda Schneider, "dass mir das so krumm genommen wurde. Ich wollte nie den Chor angreifen."

Der Herrenberger Chor jedoch sieht das anders. In gereimter Form zog Gerda Schneider über das Singen in Englisch und die Vorliebe junger Chöre für Namen in dieser Sprache her und krönte ihre Litanei mit der Rede vom "Gospelgeschrei". Damit wollte sie, wie sie mittlerweile in einem Brief an den "Gäubote" darlegte, "die Hilflosigkeit meiner Generation gegenüber den vielen Fremdsprachen" zum Ausdruck bringen. "Ich frage: Ist es in Deutschland ein Verbrechen, Deutsche zu sein und für deutsches Brauchtum einzutreten? Ist es bereits ausländerfeindlich, wenn man die eigenen Wurzeln, die eigene Tradition nicht verleugnet?" schreibt die Deckenpfonnerin, die seit 18 Jahren ihre Verse beim Weihnachtssingen der Chorvereinigung vorträgt.

Unmittelbar nach dem Weihnachtssingen kam es zu einem Gespräch zwischen Gerda Schneider und Astrid Beuth, Leiterin des jungen Chors Herrenberg, der auf den Namen "Voices ltd" hört. "Frau Beuth versicherte, im nächsten Jahr nicht mit ihrem Chor zu singen, falls ich dabei sein sollte", erzählt Gerda Schneider. Die Deckenpfronnerin selbst sagte dem Weihnachtssingen "hier und heute ade - denn verbiegen will ich mich nicht."

Auf die Reime der Schwäbin, die in früheren Zeiten mit gemütlichen Versen über die Weihnachtszeit erfreute, möchte allerdings auch die Chorvereinigung künftig verzichten. Nicht nur Karl Haarer, dem Dirigenten der gemischten Chöre, hat Gerda Schneiders Auftritt "spontan missfallen" - auch im Chor waren unmittelbar nachdem die Deckenpfronnerin ihr Gedicht vorgelesen hatte, Reaktionen spürbar. "Ich hatte Schwierigkeiten, mit den Leuten weiter zu singen", berichtet Haarer. Gerda Schneider habe sich "im Thema verirrt" und sei "unbewusst in etwas hineingeraten" Aber: "Das entschuldigt nichts. Wenn man in der Öffentlichkeit auftritt, muss man hunderprozentig wissen, was man sagt und darf danach nicht mit mildernden Umständen rechnen." Jörg Seeburger, Vorstand der "Voices", sagt ganz deutlich: "Einige unserer Sänger währen am liebsten von der Bühne gegangen. Ich hätte ein Problem damit, wenn diese Frau hier wieder ansteht, und sich äußert."

"Ich kann halt mit dem Englischen nix anfangen", verteidigt sich Gerda Schneider, "I verstand halt nix!" - Damit spricht die 64-Jährige, die dem Kirchenchor Deckenpfronns und dem Gesangverein ihres Geburtsorts Kuppingen angehört, einem Teil der Sänger in den Gesangvereinen des Gäus sicherlich aus der Seele -jedoch dem kleineren Popgesang und Gospel liegen im Trend, sie sind es, die den oft von Überalterung bedrohten Gesangsvereine neue Mitglieder zuführen. "Niemand möchte die althergebrachten Weihnachtslieder verdrängen", erklärt Seeburger, der sich dafür einsetzt, dass modernes Liedgut zukünftig viel stärker als bisher ins Repertoire des Weihnachtssingen aufgenommen wird. Nur drei englischsprachige Stücke sangen die "Voices" am Sonntag, verhältnismäßig wenig, gibt Seeburger zu denken, wenn man den prozentualen Anteil des Chores an der Gesamtzahl der Sänger berücksichtigt. "Wenn man sieht, dass das Spaß macht, dann kann man doch auch mehr machen."

Und Spaß macht es vielen. Zwei Drittel der Sänger, die sich zum Gauchortag im September 2002 angemeldet haben, bekunden Interesse an Pop, Gospel und Jazzgesang. Überall im Gäu sprießen die jungen Chöre, die sich ein solches Repertoire auf die Fahne geschrieben haben, aus dem Boden - und begeistern mit ihren Auftritten meist auch ältere Zuhörer. Die Voices und andere junge Chöre mit neuer Literatur würden auch dann noch singen, wenn Chöre, wie Gerda Schneider sie sich wünscht, längst ausgestorben seien, hielt Fritz Link der Autorin vor.

Link, Sprecher der Chorvereinigung Herrenberg und selbst Sänger bei "Voices ltd.", kündigte Gerda Schneider noch am Heiligen Abend brieflich jede weitere Zusammenarbeit auf. "Weihnachten soll ein Fest der Freude, Versöhnung, des Verstehens und der Fröhlichkeit sein." Diese Stimmung habe Gerda Schneider jedoch mit Erfolg verdorben und "45 Prozent des gemischten Chores vor etwa 2000 Besuchern beleidigt." Ihr Beitrag zum Weihnachtssingen, endet Fritz , habe "deutlich unter die Gürtellinie gezielt."

Spontan äußerten am selben Abend noch einige Mitglieder der "Voices", nicht mehr mit der Chorgruppe singen zu wollen. Zerbrechen wird die Vereinigung, der Chöre aus Affstätt, Nufringen, Deckenpfronn, Haslach, Kayh, Herrenberg, Oberjesingen und Kuppingen angehören, am Gedicht von Gerda Schneider wohl kaum. Allerdings, so Seeburger, ist es Zeit, "entscheidende Stellungen, die sich hinsichtlich der Zukunft des Weihnachtssingens schneiden" zu diskutieren.

Vgl. zu dieser Veranstaltung auch die folgenden Schriften:

...zurück zur Startseite