Presseecho

Gäubote, 16. Oktober 2001

Gospels für die Terroropfer in Amerika

Voices Itd. in der Herrenberger Stiftskirche: Verschlungene Hände symbolisieren Frieden und Toleranz

Tiefste Verzweiflung und aufrichtige Freude - das emotionale Spektrum der afroamerikanischen Gospels und Spirituals ist breit gefächert. Am Sonntag trug der Pop- und Gospelchor Voices ltd. ausgewählte Stücke aus dem Gospelrepertoire in der Herrenberger Stiftskirche vor. Der Erlös kommt den Angehörigen der Terroropfer in den USA zugute.

VON MARION SCHRADE

"Die Gospels sind aus erfahrener Not entstanden", erzählte Dekan Homann zu Konzertbeginn. "Die unterdrückten Sklaven besangen darin einst ihre tief empfundene Sehnsucht nach Frieden und ihre Hoffnung auf Gott." Trotz des Elends reicht die Stimmung der Lieder von melancholisch bis fröhlich 'und ausgelassen. Keine oberflächliche Lustigkeit wird zum Ausdruck gebracht, sondern,tief empfundene Freude, die in einem unerschütterlichen Glauben wurzelt.

"Diese Form der Freude ist auch, ja, gerade in Zeiten der Trauer und des Elends angebracht", formulierte Chorleiterin Astrid Beuth ihre Gedanken und bat: "Erlauben Sie uns deshalb, unter dem Motto "Trauer ja, - Resignation nein", Ihnen das ganze Spektrum des Gospel-Gesangs vorzutragen.

Freude symbolisierte auch die Kleidung der rund 90 Sänger: Orangefarbene, gelbe und rote T-Shirts setzten sich zu einem fröhlichen, bunten Bild zusammen. Ein zum Anlass des Konzerts passenden Auftakt gelang den Sängern mit dem eher, verhaltenen, traurigen Gospel "My Lord, what a mourning". Das ruhige Stück bestach vor allem durch die ausgefeilte Dynamik; die Sänger reagierten auf jeden Wink ihrer Dirigentin prompt und sicher. "Das geht nur, weil wir ohne Noten singen", erklärte Astrid Beuth im "Gäubote"-Gespräch. "Wenn sie immer zu mir sehen, kann ich mit den Sängern spielen. Sie wissen nie hundertprozentig, was auf sie zukommt."

Fast beängstigend genau passte der Text des Gospels zur Situation in den USA: "My Lord, what a mourning, when the stars begin to fall". Zu deutsch. "Mein Gott, was für eine Trauer, wenn die Sterne anfangen zu fallen". - in diesem Kontext vielleicht die Sterne, die die Vereinigten Staaten symbolisieren und beispielsweise auf der Flagge abgebildet sind.

Einen starken Konstrast bildete das nachfolgende "Kumbayah": Die bekannte, einprägsame Melodie unterlegten Ralph Adensam und Thorsten Stiller an den Congas mit bewegten, lebhaften Rhythmen. Die statische Ruhe des Chors löste sich, die Sänger bewegten sich im Takt. Das Publikum taute allerdings erst beim nächsten Traditional "This light of mine". auf und klatschte den Takt mit: Denn nun setzte die Band ein, die in der Stiftskirche zum ersten Mal in der vollen Besetzung mit dem Chor auftrat. Meike Schlie und Martin Wilke (beide Klavier), Alfred Holzner (Gitarre), Thorsten Stiller (E-Bass) und Ralph Adensam (Schlagzeug) begleiteten die Sänger sicher und mit merklicher Spielfreude.

Traurig und getragen hob sich dagegen das a cappella vorgetragene Stück "When Israel was in Egypts land" ab, das Astrid Beuth selbst in einem formal und harmonisch gelungenen und ausdrucksstarken Satz bearbeitet hatte. Im Text des Gospels vergleichen sich die schwarzen Sklaven mit,den unterdrückten Israeliten, die sich aus der ägyptischen Knechtschaft befreien. Tiefstes Elend und Trauer kam in "Sometimes I feel" zum Ausdruck. Beeindruckend waren dabei einzelne Soli und der Einsatz einer vierköpfigen Solistengruppe. Überhaupt verbargen sich in dem stimmgewaltigen Chor zahlreiche Solisten, die eine der vielen Solopartien überriahmen und das gängige Vorurteil widerlegten, dass man für Gospels unbedingt authentische "schwarze" Stimmen benötige.

Afrikanisches Flair machte sich in der voll besetzten Stiftskirche breit, als der Chor das südafrikanische "Sia hamba", zu deutsch: "Wir sind auf dem Weg zum Licht des Herrn", vortrug. Bewegte Rhythmen, unterstützt von den Congas, und eine fröhliche Melodie machten den Zuhörern Glauben, sich in einen Gottesdienst mitten in Afrika unter freiem Himmel verirrt zu haben. Unter vielen anderen bekannten Gospels wie "Amen", "Nobody knows" oder "Free at Last" stellte "0 happy day" den Höhepunkt dar: Bei dem wohl bekanntesten aller Gospels, bei dem sich ein Vorsänger und der Chor abwechseln, ließ sich das Publikum erneut mitreißen.

Einen sehr ruhigen Schlussakzent setzten die Voices ltd. mit dem "Alleluja", das sie vom Gospelchor "Entre ciel et terre" aus Herrenbergs französischer Partnerstadt Tarare gelernt hatten. Die Sänger hielten sich dabei alle an den Händen, die sie zum Schluss hochreckten. Eine Kette verschlungener Hände - ein eindrucksvolles Abschlussbild, das Frieden und Toleranz ganz ohne Worte auszudrücken vermag.

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