Gäubote
Statt der heiß ersehnten Schneeflocken tanzen bunte Schirme über den Herrenberger Marktplatz und verschwimmen zu einem wogenden Meer von Farbe. Die Temperaturen sind alles andere als winterlich, und doch kommt beim 41. Weihnachtssingen der Chorgruppe Herrenberg weihnachtliche Vorfreude auf. Der Marktplatz füllt sich zusehends: Die musikalische Einstimmung auf Weihnachten mit Hilfe der Herrenberger Chorgruppe will sich niemand entgehen lassen.
Wer etwas abseits am Rande des Platzes steht, für den wird der Auftritt des Kinderchors "Ki-Cho-Bello" zu einem besonders bezaubernden Erlebnis: Wie von Ferne sind die zarten Kinderstimmen zu hören, die unter der Leitung von Silke Lang eine deutsche Version von "Jingle Bells" erklingen lassen. Tapfer legen die Sänger der Männerchöre aus Affstätt, Deckenpfronn und Nufringen ihre Regenschirme beiseite und versuchen, auf der regennassen Bühne nicht ins Schlittern zu kommen. Zwischen den weihnachtlich funkelnden Fachwerkäusern erklingt Michael Prätorius` "Es ist ein Ros` entsprungen". Vor dem schweren Vorhang eines samtigblauen Himmels schimmern Regenperlen.
Die Notenblätter der Sänger sind entweder gut in einer Plastikhülle verstaut oder aber - weil ungeschützt - durchgeweicht. Letzteres gilt auch für Astrid Beuth: Ohne hinderlichen Schirm dirigiert die Chorleiterin ihre Männerchöre durch die winterlichen Klänge. Von schlechter Laune keine Spur. Konzentriert agiert die Dirigentin, gibt Einsätze, gestikuliert und singt die eine oder andere Stimme partienweise mit.
Dennoch: Weiße Weihnachten sind erwünscht, wenn sie auch derzeit nicht sehr wahrscheinlich sind. Mit "Let it snow" versuchen die "Voices Ltd." den Wettergott ein letztes Mal gnädig zu stimmen. Begleitet werden die Gospelsänger vom Geprassel des Regens, der immer noch unaufhörlich auf Schirme, Köpfe und Dächer trommelt.
Neben eher weltlich orientierter Chorliteratur und amerikanischen Gospels sind auf dem Marktplatz auch die traditionellen, alten Weihnachtslieder des europäisch-christlichen Kulturkreises zu hören.
Mit "Tochter Zion" zaubern die gemischten Chöre aus Kayh, Haslach, Kuppingen, Herrenberg und Oberjesingen unter der Leitung von Karl Haarer eine festliche Atmosphäre unterm Weihnachtsbaum am Marktplatz. Die majestätischen Klänge der Bläsergruppe von der Stadtkapelle tun ein Übriges.
Mit zwei "Klassikern" unter den Weihnachtsliedern endet das Chor-Intermezzo: Bei "Stille Nacht" und "O du fröhliche" stimmen auch die bisher passiven Zuschauer und -hörer mit in die Jubelchöre ein. Zu Beginn des Weihnachssingens hatte eine Frau ihren Mann gefragt: "Warum haben die das bei dem Wetter nicht in die Stadthalle verlegt?" Mittlerweile ist die Antwort klar: Nur die perfekte Kulisse macht das Weihnachtssingen zu dem, was es ist: Klanggewordene Vorfreude aufs Christkind. Und dazu gehören auch ein Baum, viele Lichter und die Herrenberger Fachwerkhäuser. Regen? Wen stört das schon?
MARION SCHRADE