Presseecho

Badische Zeitung, 17.07.2007

Gewaltig, auf der Bühne und am Himmel

„Carmina Burana“ vor 950 Zuschauern krönt da „Festival am Münster“ / Applaus des Publikums als Auftrag für eine Neuauflage / Von Marion Pfordt Badische Zeitung

TITISEE-NEUSTADT. Der krönende Höhepunkt des dreitätigen „Festivals am Münster“ bildete am Sonntagabend Carl Orffs „Carmina Burana“. Zum abschließend gewaltig dargebotenem „O fortuna“ griff „Bomben-Erich“ zum Feuerzeug und bescherte dem Neustädter Open-Air-Publikum ein überraschendes und krachendes Feuerwerk.

Die musikalische Inszenierung war klassisch interpretiert. Nachdem Orff 1934 die Texte aus dem 12. Jahrhundert entdeckt hatte, überfielen ihn „Bild und Worte“, worauf hin er spontan den ersten Chorsatz „O fortuna“ skizzierte. Rund 300 Musiker und Sänger machten aus dem Konzert ein großes mittelalterliches Spektakel.

Bürgermeister Armin Hinterseh begrüßte das Publikum der bis auf den letzten Platz ausverkauften Vorstellung. „Seit Jahren beschäftigt die Bürger Titisee-Neustadts eine Frage“, meinte er, „ist es möglich, im Herzen der Stadt eine Veranstaltung dieses Formats zu machen?“ Er schätzte sich glücklich, diese Frage nun mit „Ja“ beantworten zu können. Möglich war dies nur unter Mithilfe der zahlreichen ehrenamtlichen Helfer sowie der großzügigen Förderer, denen gegen Ende ausführlich gedankt wude. Die gut 950 Zuhörer und –schauer schätzten den musikalischen Hochgenuss unter freiem Himmel. Decken und Sitzpolster waren höchsten für die Gemütlichkeit nötig.

Das Festivalgelände Rathausplatz wurde durch die kundigen Worte Lupus Richters alias Ludens um 800 Jahre ins finstere Mittelalter zurückkatapultiert. Mit der mehrfach ausgezeichneten historischen Mittalterband „Fiasco Sonatore“ gestaltete er das Vorprogramm interessant und kurzweilig. Gar merkwürdige Holzinstrumente gaben Einblick in die Musik vergangener Tage. Doch was war das? Pink Floyd? Pfiffig mischte Ian Harrison rockig moderne Klänge zwischen mittelalterliche Töne. Yves Donnier war mit seiner Drehleier ein echter Blickfang, was für ein merkwürdiges Instrument! „Steiget aus dem Rad und mahlt euer eigenes Mehl“, rief Lupus der Narr von der Mauer herunter. „Es ist ein gar trefflich Gefühl, die Worte von der Kommunistenkanzel zu führen, doch sie scheint selten genutzt“, meinte der Narr. Das kann sich künftig ändern, denn Hinterseh nahm den Applaus des begeisterten Publikums als „offiziellen Auftrag“ für ein zweites Festival am Münster.

Trotz streng diszipliniertem Ablauf dauerte es einige Minuten, bis nach der Puase alle Musiker der Stadtmusik Neustadt und alle Sänger der mitwirkenden Chöre auf der Bühne waren. Lupus Ludens moderierte als zeitgenössischer Fachmann das Hauptprogramm.

Die „Carmina Burana“ ist eine Ansammlung von mehr als 250 weltlichen Liedern und Texten, von denen einige teils in mittelhochdeutscher, teils in latainischer Sprache vorgetragen wurden. Meist geht es dabei um ganz und gar sinnliche Genüsse, geschwängert von Liebe und Wein. Die „äußerst delikaten Passagen“, wie der Schelm bemerkte, waren für die meisten unverständlich in Latein, sodass natürlich niemand an der „Carmina Burana“ Anstoß nehmen konnte.

Die Stadtmusik war hochkonzentriert, die Chöre stnden den Musikern in musikalischer Kraft nicht nach. Kräftig war das Schlagzeug, kräftig der Bass der Chorstimmen, die darauf antworteten, hoch und rein der Sopran der Sängerinnen, dessen harmonischer Klang mit den Instrumenten spielte. Die einzelnen Chöre, die jeweils unter eigener Leitung stehen, zu einer riesigen Gruppe zu vereinen, war eine höchst anspruchsvolle Aufgabe. Der Münsterchor Neustadt und die junge Kantorei, ChorNetto aus Rötenbach, der Liederkranz Herrenberg, die Projektchöre des Kreisgymnasiums und der Hebelschule/Jugendmusikschule zogen an einem Strang. Immer wieder erzählten einzelne Gruppen ein Lied, eine Passage, um sich erneut mit der großen Einheit aus Gesang und Instrumenten zu verschmelzen. Wunderbar war der sterbende Schwan: Tenor Boris Pohlmann sang die Rolle nicht, er war der leidende Jüngling. Rainer Pachner sang die hohen und die tiefen Töne seiner Soli tadellos, Sopranistin Regina Kabis stellte den weiblichen Gegenpol, der bei der sinnlichen Thematik der „Carmina Burana“ unentbehrlich ist.

Götz Ertles Inszenierung stellte die „Carmina Burana“ in ein lebensfrohes Licht. Die Harmonie zwischen Stadtmusik, Chören und Solisten stimmte, Ertle war nach dem Auftritt hoch zufrieden: „Alles lief gut. Die aufgebaute Stimmung blieb bis zum Schluss.“ Der Leiter und Vater des Mammutprojekts konnte sich vor Gratulation von Musikern und Publikum kaum retten.

Erstmals dabei war der Kinderchor, und es war eine große Anstrengung für die Jungen und Mädchen, auch nach einer probenreichen Zeit noch bis spät nachts auf der Bühne zu stehen. Zu sehen waren sie leider schlecht, zu hören aber umso besser: Die Kinderpassagen hatten sie nämlich für sich ganz alleine. „Es ist unglaublich, was die kleine Sänger geleistet haben. Manche haben eine erstaunliche Entwicklung gemacht. Da sind Kinder auf der Bühne aus sich herausgekommen, die zuvor vor Schüchternheit kaum aufgeschaut haben“, lobte Ertle das Gesangsdebüt der Jüngsten. Verstanden haben dürften die Kinder die lateinischen Texte zwar nicht, auswendig lernen mussten sie sie trotzdem. Im Gänsemarsch gingen die Kinder nach dem Auftritt Hand in Hand von der Bühne, damit auch keines verloren geht. Denn Neustadt freut sich auf das nächste Festival!

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